Tagung „Stadtherr, Kirche und Bürgerschaft“ – Rückblick

17. bis 19. April 2026
Tagung „Stadtherr, Kirche und Bürgerschaft. Machtverhältnisse und bauliche Strukturen in der mittelalterlichen Stadt“
30 Jahre Stadtarchäologie Hall in Tirol

Der Verein Stadtarchäologie Hall in Tirol veranstaltete vom 17. bis 19. April 2026 anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Stadtarchäologie Hall in Tirol die internationale Fachtagung „Stadtherr, Kirche und Bürgerschaft – Machtverhältnisse und bauliche Strukturen in der mittelalterlichen Stadt“ im Veranstaltungszentrum „WIDER.STAND“ in der ehemaligen Schneiderkirche, Hall in Tirol.
18 Referentinnen und Referenten aus fünf Nationen (Österreich, Italien, Deutschland, Dänemark und der Schweiz) präsentierten aktuelle Forschungen zur mittelalterlichen Stadtentwicklung, zu kirchlichen und profanen Bauformen sowie zu den Wechselwirkungen zwischen weltlicher, kirchlicher und bürgerlicher Macht innerhalb des urbanen Raumes. Die Tagung war öffentlich zugänglich und wurde über Homepage, Print- und Onlinemedien sowie in diversen Veranstaltungskalendern beworben.

Gruppenbild mit den Vortragenden; Foto: Stadtarchäologie Hall i.T.

Die Tagung war in drei Sektionen gegliedert. Die erste Sektion am Freitag, dem 17. April 2026, widmete sich unter der Moderation von Walter Hauser (ehem. Landeskonservator für Tirol, Hall in Tirol) sowie Harald Stadler (Archäologe, Universität Innsbruck) der Schneiderkirche, ihrer Ausstattung sowie ihrem baulichen Umfeld. Dabei wurden archäologische, kunsthistorische und restauratorische Aspekte behandelt.
Alexander Zanesco (Stadthistoriker und Stadtarchäologe, Hall in Tirol) zeigte in seinem Vortrag „Die Schneiderkirche im Gefüge des Kirchenensembles St. Nikolaus in Hall i.T.“, dass sich die Bau- und Entwicklungsgeschichte des Kirchenensembles auf Basis der Grabungen zwischen 2009 und 2025 neu rekonstruieren ließ. Dabei konnte unter anderem ein landesfürstlicher Bau sowie mehrere Bauphasen der Nikolauskirche identifiziert werden, die die besondere städtebauliche Stellung des Areals verdeutlichen.
Waltraud Kofler Engl (Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin, Brixen/Bozen, Südtirol) analysierte die erhaltenen gotischen Wandmalereien der Kapelle. In ihrem Beitrag zur Ikonographie und stilistischen Einordnung rekonstruierte sie mehrere Malphasen des 15. Jahrhunderts, darunter Heiligendarstellungen, Tugendzyklen sowie spätere Übermalungen und Stifterinschriften, die auf die bürgerliche Stiftungskultur verweisen.
Jörg Riedel (Restaurator, Wien) behandelte in seinem Vortrag die konservatorischen Herausforderungen der sogenannten Schneiderkirche. Er zeigte die komplexe Überlagerung dreier Malereischichten des 15. Jahrhunderts und erläuterte die Maßnahmen zur Sicherung und musealen Präsentation dieses fragmentarischen, aber hochwertigen Bestandes.
Stefanie Heim (Archäologin, Universität Innsbruck) stellte Kapellen als Ausdruck bürgerlicher Frömmigkeit und sozialer Distinktion in den Mittelpunkt. Sie untersuchte anhand bauanalytischer, archäologischer und schriftlicher Quellen die Funktion solcher Stiftungen im Spannungsfeld von Kirche, Friedhof und Bürgerschaft und betonte deren Bedeutung als Schnittstellen zwischen individueller Memoria und öffentlicher Repräsentation.
Mark Mersiowsky (Historiker, Universität Stuttgart) hob in seinem Beitrag die hohe Komplexität der Verhältnisse im spätmittelalterlichen Hall hervor. Er warnte vor vereinfachenden Modellen stabiler Konfliktlinien zwischen „Kirche“, „Stadtherr“ und „Bürgerschaft“ und zeigte stattdessen dynamische, situationsabhängige Konstellationen auf, die sich auch kurzfristig verändern konnten.

Tagungsort Schneiderkirche im Kulturraum WIDER.STAND, Foto. Stadtarchäologie Hall i.T.

Die zweite Sektion – moderiert von Matthias Untermann (Kunsthistoriker und Archäologe, Heidelberg) und Stefanie Heim (Archäologin, Universität Innsbruck) – widmete sich vergleichenden Beispielen und Fallstudien aus dem europäischen Raum.
Ellen Widder (Historikerin, Universität Tübingen) analysierte am Beispiel Tübingens die „Lesbarkeit der Stadt“ und zeigte, wie sich sakrale Raumfunktionen im Zuge der Reformation veränderten, ohne dass die baulichen Strukturen selbst vollständig verschwanden.
Sophie Morawitz (Kunsthistorikerin, Universität Wien) untersuchte die Traindtsche Privatkapelle in Steyr als Ausdruck bürgerlicher Selbstverortung und analysierte deren Nutzung zwischen Liturgie, Repräsentation und sozialer Strategie im 15. Jahrhundert.
Nadja Lang (Kunsthistorikerin, Heidelberg/Köln) beleuchtete das Verhältnis von Heiligkreuz- und Johanniskirche in Schwäbisch Gmünd und zeigte, wie sich Konkurrenz und funktionale Koexistenz im Zuge städtischer Expansion ausbildeten.
Maurus Camenisch (Archäologe, Archäologischer Dienst Graubünden, Chur) und Jürg Goll (Kunsthistoriker und Archäologe, Müstair) widmeten sich der Stadtentwicklung von Chur und Luzern und der Frage kirchlicher Dominanz im Siedlungsbild. Beide Beiträge zeigten unterschiedliche Wege der Emanzipation städtischer Strukturen von kirchlicher Herrschaft.
Fortgesetzt wurde die zweite Sektion unter der Moderation von Jürg Goll am Samstag, den 18. April 2026.
Lennart S. Madsen (Historiker, Museum Sønderjylland, Haderslev) analysierte die Marienkirche als wachsende Kollegiatkirche im Spannungsfeld begrenzter städtischer Räume, während Axel Böcker (Denkmalschutzbehörde, Flensburg) die Entwicklung des Franziskanerklosters als Beispiel für die Transformation klösterlicher Strukturen nach der Reformation darstellte. Roman Schöpplein (Archäologe, Universität Bamberg) ergänzte dies durch archäologische Analysen zu den Natursteinmauerwerken des Bamberger Dombergs und deren Datierungsproblematik.

Tagungsort Schneiderkirche im Kulturraum WIDER.STAND, Foto: Stadtarchäologie Hall i.T.

Die dritte Sektion widmete sich übergeordneten Stadtentwicklungsprozessen. Patrick Schicht (Landeskonservator Niederösterreich, Krems) präsentierte unter der Moderation von Romedio Schmitz-Esser (Historiker und Kulturwissenschaftler, Heidelberg) seine Studie zu Doppelstadtsitzen in den Ostalpen und stellte die Frage nach funktionalen Trennungen und Herrschaftsmodellen innerhalb urbaner Räume.
Jürgen Moravi (Archäologe, Bundesdenkmalamt Kärnten, Klagenfurt) analysierte die Bau- und Parzellenstrukturen mittelalterlicher Städte in Kärnten und zeigte die Entwicklung vom Holzbau zum sogenannten Mauermantelhaus.
Luisa Radohs (Archäologin, Universität Freiburg) betrachtete spätmittelalterliche Seehandelsstädte des südwestlichen Ostseeraums als Aushandlungsräume zwischen Herrschaft, Bürgerschaft und wirtschaftlicher Dynamik, während Rainer Atzbach (Archäologe, Aarhus University) das Zusammenspiel von Burg, Kapelle, Stadt und Kirche in Dänemark untersuchte und die tiefgreifenden Veränderungen durch die Reformation hervorhob.

Ein besonderer Höhepunkt der Tagung war der öffentliche Abendvortrag von Alexander Zanesco im Panoramasaal der Raiffeisen Regionalbank Hall in Tirol unter dem Titel „30 Jahre Stadtarchäologie Hall in Tirol“ am 17. April 2026. Die Veranstaltung bot einen umfassenden Rückblick auf drei Jahrzehnte Stadtarchäologie, stellte zentrale Grabungs- und Forschungsergebnisse seit 1996 vor und zeigte deren Bedeutung für die Entwicklung des historischen Stadtbildes von Hall in Tirol auf. Getragen wird das Projekt Stadtarchäologie seit 2001 vom Verein zur Förderung der Stadtarchäologie und Stadtgeschichte in Hall in Tirol, der somit seit 25 Jahren als Schnittstelle zwischen Forschung, Denkmalpflege und öffentlicher Vermittlung fungiert. Besonders hervorgehoben wurden die vielfältigen Tätigkeiten in den Bereichen archäologische Forschung, Bauuntersuchung und Fundbearbeitung sowie die kontinuierliche Arbeit im Museum Stadtarchäologie Hall i.T. (2003 – 2007 in der Salvatorgasse, seit 2008 in der Burg Hasegg), welches Einblicke in die Alltagskultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bietet. Ergänzend dazu wurde die enge Verzahnung von Forschung und musealer Präsentation betont, die sich auch in der wissenschaftlichen Bearbeitung, Restaurierung und langfristigen Erhaltung der umfangreichen Fundbestände widerspiegelt. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlungstätigkeit der Stadtarchäologie, die neben Ausstellungen und Publikationen insbesondere museumspädagogische Programme, Schulprojekte, Führungen sowie das digitale Projekt „Hall360Tirol – eine virtuelle Zeitreise“ umfasst. Der sehr gut besuchte Vortrag richtete sich sowohl an Fachpublikum als auch an die interessierte Öffentlichkeit und stellte damit einen wichtigen Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Forschung, institutioneller Kulturarbeit und städtischer Erinnerungskultur dar.
Im Rahmen der neuen Sponsoring-Partnerschaft stellte die Raiffeisen Regionalbank Hall in Tirol nicht nur den Vortragssaal zur Verfügung, sondern übernahm auch die Ausrichtung eines Umtrunks für die Zuhörer im Anschluss an die Veranstaltung.

Vortrag „30 Jahre Stadtarchäologie Hall in Tirol“ von Alexander Zanesco im Panoramasaal der Raiffeisen Regionalbank Hall in Tirol, Foto: Stadtarchäologie Hall i.T.

Die Tagung wurde durch thematische Stadtführungen am 18. und 19. April 2026 ergänzt, die im Rahmen eines bewusst zweigleisigen Konzepts durchgeführt wurden: Alexander Zanesco (Stadthistoriker und Stadtarchäologe, Hall in Tirol) vermittelte archäologische und stadtgeschichtliche Perspektiven, während Walter Hauser (ehem. Landeskonservator für Tirol, Hall in Tirol) die bauhistorischen und denkmalpflegerischen Aspekte hervorhob. Diese Kombination ermöglichte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen besonders vielschichtigen Zugang zum Stadtraum von Hall in Tirol und verband Forschung, Baugeschichte und Denkmalpflege unmittelbar vor Ort.

Für die Tagung wurde zudem eine digitale Rekonstruktion der ehemaligen Schneiderkirche erstellt. Auf Grundlage der archäologischen und bauhistorischen Forschungen entstand durch den Haller Fotografen und Multimediadesigner Klaus Karnutsch ein virtuelles 3D-Modell des Bauwerks, das den ursprünglichen Zustand der Kapelle anschaulich visualisierte. Die digitale Rekonstruktion stellte eine wertvolle Ergänzung zur wissenschaftlichen Präsentation dar und ermöglichte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen besonders anschaulichen Zugang zu den Forschungsergebnissen. Derzeit wird am Ausbau der 18. Station des Projekts „Hall360Tirol – eine virtuelle Zeitreise“ gearbeitet: „Station Schneiderkirche“. Geplant ist diese Rekonstruktion dann einzubauen.

Im Rahmen der Tagung wurden auch zwei Podcast-Sendungen der Reihe „Haller Geschichte(n)“ (Herausgeber Stadt Hall) aufgezeichnet. Über die sensationelle Entdeckung und Restaurierung der wiederentdeckten mittelalterlichen Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert in der Schneiderkirche führte Christoph Sailer (Stadtrat und Obmann des Kulturausschusses) ein ausführliches Interview mit dem Restaurator Jörg Riedel. Folge 36 – Die Schneiderkapelle, Teil 1: https://soundcloud.com/user-134139348/haller-geschichte-n-folge-36
Mit Waltraud Kofler Engl sprach Christoph Sailer über die Darstellungen auf den Fresken, deren Bedeutung und Inschriften. Folge 37 – Die Schneiderkapelle, Teil 2: https://soundcloud.com/user-134139348/podcast-haller-geschichte-n

Die ehemalige Schneiderkirche erwies sich nicht nur als wissenschaftlich bedeutender Untersuchungsgegenstand, sondern auch als außerordentlich geeigneter Veranstaltungsort. Für die Gäste aus dem In- und Ausland bot der sorgfältig restaurierte Bau eine eindrucksvolle räumliche Erfahrung und unterstrich die besondere Atmosphäre der Tagung. Insgesamt nahmen rund 270 Personen aus Österreich, Deutschland, Italien, Dänemark und der Schweiz an allen Programmpunkten der Tagung teil. Die enge Kooperation mit der Pfarre Hall in Tirol sowie die großzügige Bereitstellung des Pfarrcafés für Kaffee- und Mittagspausen trugen wesentlich zum Gelingen der Tagung bei.

Der Verein Stadtarchäologie Hall möchte sich hiermit sehr herzlich bei den Sponsoren bedanken: Kulturabteilung des Landes Tirol, Stadt Hall, Raiffeisen Regionalbank Hall in Tirol, Pfarre Hall St. Nikolaus, Gasthof Badl, Firma Fröschl AG & Co KG, Hall-Wattens Tourismus, Firma  Anton Rauch Ges.m.b.H. & Co.KG,  Universität Innsbruck – Institut für Archäologien und Privatsponsor Burkhard Weishäupl.
Mit Hilfe dieser finanziellen Unterstützung konnte vom 17. bis 19. April 2026 die sehr erfolgreiche internationale Tagung zum Thema „Stadtherr, Kirche und Bürgerschaft – Machtverhältnisse und bauliche Strukturen in der mittelalterlichen Stadt“ stattfinden und ein wichtiger Beitrag zur Erforschung mittelalterlicher Stadtstrukturen geleistet werden. Die Veranstaltung bot nicht nur ein hochkarätiges wissenschaftliches Programm, sondern auch eine wertvolle Plattform für internationalen fachlichen Austausch, neue Forschungsansätze, internationale Vernetzungen sowie zukünftige Kooperationen zwischen Archäologie, Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte und Denkmalpflege.

Programm Tagung Stadtherr Kirche und Bürgerschaft