Samstag, 25. November 2023
erHALLten. erforschen – erhalten – erzählen
Schneiderkirche
Mit dem Ende der Ausgrabungen in der Schneiderkirche ludt die Stadtarchäologie Hall in Tirol erneut im Rahmen des Projekts „erHALLten. erforschen – erhalten – erzählen“ auf die Grabungsbaustelle Schneiderkirche.

Seit dem Jahr 2015 macht die Stadtarchäologie Hall in Tirol herausragende Revitalisierungsprojekte in der Haller Altstadt für die Öffentlichkeit zugänglich. Im Rahmen des Formats „erHALLten“ vermitteln Fachleute, Hausbesitzer und Planer durch Führungen und Präsentationen neue Erkenntnisse zur Vergangenheit und Visionen für die Zukunft von im Umbau befindlichen Objekten.
Am 25. November 2023 war die letzte Gelegenheit, die nun vollständig freigelegten mittelalterlichen Räumlichkeiten in ihrer Gesamtheit besichtigen zu.

Die ehemalige Schneiderkirche südlich der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus war zuletzt vor zwei Jahren im Rahmen eines „erHALLten“ öffentlich zugänglich. Besucher:innen blickten fasziniert auf wiederentdeckte gotische Fresken und die laufenden Ausgrabungen. Nach einer längeren Unterbrechung konnten die Arbeiten nun fortgesetzt werden. Vor uns steht ein weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand überliefertes Gebäude des frühen 14. Jahrhunderts. Etwa 90 Jahre nach seiner Errichtung wurde in das oberste Geschoß eine Kapelle zu Unserer Lieben Frau eingebaut, die als „Schneiderkirchlein“ bekannt ist. Wenig später füllte man die unteren Geschoße auf und gestaltete die Kapelle mit großem Aufwand neu. Seitdem hat diese Räume niemand mehr betreten – bis heute.
Anfang des 15. Jahrhunderts erbauten Hainrich Reichsneider und seine Frau Elspeth die Kapelle zu Unserer Lieben Frau, später Schneiderkapelle genannt. Spätestens ab 1411 verwaltete Elspeth die Stiftung mit ihrem zweiten Ehemann, Hans Sighart. Seit 1417 ist auch eine Bruderschaft zu dieser Kapelle bekannt. Sie spielte im öffentlichen Leben Halls eine große Rolle. Prominentestes Mitglied war Eleonore von Schottland, Gemahlin Herzog Sigmunds.
Um 1430 wurde die Kapelle umgebaut und prächtig ausgemalt. Noch 1597 ließ sie der Schneider und Bürger Wolfgang Prem neuerlich renovieren. Vermutlich stammt von daher die Bezeichnung „Schneiderkirchlein“. Ein an die Kapellenwand gemaltes Schneiderwappen könnte darauf zurückgehen. Es ist heute wieder zu sehen.
1832/33 wurde die Kapelle mit Nachbargebäuden zu einem Lagerraum umgebaut, wovon sie selbst nur knapp die Hälfte einnimmt. Dabei trug man die Kapellenmauern größtenteils ab. Nur die Südwand und Teile der Westwand blieben erhalten. Sie zeigen reichen Freskenschmuck, der von Übermalungen noch befreit werden muss. Was jetzt noch zu sehen ist, lässt eine einst großartige Ausmalung der gesamten Kapelle annehmen.
Die sichtbaren Fragmente gliedern sich in drei Register. Das unterste nimmt ein durchlaufender Wandbehang ein, unterbrochen nur von einer Darstellung der Alexiuslegende. In der Mitte sind Heilige unter Architekturbögen als Brustbilder zu sehen. Im obersten Drittel ist ein gleichartiger Fries mit Darstellungen übermalt, deren Inhalte mit den Stiftern und der Bruderschaft zusammenhängen dürften.
Mit der Renovierung dieser Fresken und Räumlichkeiten erhält Hall zweifellos ein neues Juwel, das viele Besucher:innen anziehen wird. Die Grabungsergebnisse dürften auch für die Stadtgeschichte von einiger Bedeutung sein. Darüber hinaus hat die aktuelle Forschung den Umbau des seit 1832 profanierten Gebäudes zum Kulturzentrum der Pfarre wesentlich geprägt. Daher wurde auch umfassend über das Bauvorhaben informiert.

Ursprünglich war die Veranstaltung von 9:00 bis 13:00 Uhr geplant, mit Führungen im Halbstundentakt. Der enorme Andrang bei den Anmeldungen übertraf jedoch unsere Erwartungen deutlich, sodass wir das Programm kurzerhand bis 15:30 Uhr ausweiteten. Dank zweier zusätzlicher Sonderführungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Tourismusverbandes Region Hall-Wattens sowie für den Verein Team Austria Guides konnten wir weiteren Interessierten eine Teilnahme ermöglichen. Insgesamt nutzten rund 300 Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, sich in 12 Führungsdurchgängen von Mag. Dr. Alexander Zanesco die Grabungsergebnisse näherbringen zu lassen. Ergänzend dazu informierte Architekt Matthias Berger über die geplante Umgestaltung zum Kulturzentrum der Pfarre St. Nikolaus und gab spannende Einblicke in den aktuellen Planungsstand.
